Freitag, 28. April 2017

Von den Eltern emanzipieren?

Jeder hat Eltern. Wie kommt ihr mit ihnen aus?
Mich stellt die Beziehung immer und immer wieder vor (meist seelische) Probleme. Jetzt, da ich selbst zwei, bald drei Kinder habe, hat sich natürlich die Kontakthäufigkeit seit einigen Jahren wieder intensiviert. Manchmal freut mich das, aber meist strengt es mich enorm an.
Wieso das?

Jede Seite hat Erwartungen. 
Ich erwarte uneingeschränkt angenommen zu werden. Ich erwarte auch ein gewisses Verständnis für unser Leben, unseren Lebensstil und wie unsere Kinder darin aufgehen und mitwachsen.
Meine Eltern haben andere Erwartungen. Meine Mutter ist der Kontakt zu ihren Enkeln wichtig. Den bekommt sie ja auch. Und sie stellt sich wohl vor, daß unser Familienleben in zwar alternativen, (Hausgeburten, kindergartenfrei, vegan essen usw.) aber doch geordnet vorhersehbaren Bahnen abläuft.
Mein Vater behauptet keinerlei Erwartungen zu haben und meint, „dass es ihm ganz egal ist, ob er mit seinen Enkeln in Kontakt steht oder nicht“. Er schwört auf seine emotionale Gleichgültigkeit, freut sich aber immer ungemein mit den Kindern Zeit zu verbringen. So scheint es jedenfalls von außen.



Kindergarten, Schule, Vollzeitarbeit, Teilzeitarbeit, gemeinsam den Feierabend genießen, am Häuschen werkeln, Urlaube, Familienfeste, und wieder von vorne... So könnte unser Leben die nächsten 30 Jahre aussehen. Bis auf die übliche Bürokratie und vielleicht ein paar  Unfälle sorgenfrei, der Traum einer jeden Kleinfamilie.

Nun sind wir aber nicht so.
Ab und an gefällt uns auch dieses Leben, ja, es ist geordnet, es ist scheinbar abgesichert (Geld, Versicherungen, Umgebung, Struktur) aber--- es ist immer gleich, es ist vorgezeichnet, es läßt wenig, sehr wenig, Zeit für das familiäre Miteinander. Uns als Paar reicht die kurze Feierabendzeit in der wir beide müde sind, nicht aus. Den Kindern reicht die Feierabendzeit in der sie ebenfalls müde sind, um ihren Vater zu ER-leben, nicht aus. Darin sind wir auf Dauer unglücklich. Ich und mein Mann brauchen mehr Lebenszeit zusammen. Die Kinder stören uns dabei nicht. Wichtig ist, daß wir auch viel Zeit mit ihnen zusammen verbringen können. Uns reicht die vielbeschworene Qualität nicht aus, wir brauchen auch vor allem die Quantität.

                                                   Die Stahlkappenstiefel haben Pause

Langsam begreifen nun meine Eltern wohin der Kahn schippert, seit Simon nicht mehr arbeitet und wir vier Monate in Asien waren. Und sie sehen die Barke natürlich gern als vom Kentern gefährdet.
Ich fühle mich von ihnen bevormundet. Sie wollen alles, klar, was bleibt ihnen auch übrig, so der O-Ton akzeptieren, was wir tun. Doch sie wissen noch nicht einmal was das Wort bedeutet. Denn wohlwollend und begrüßend stimmen sie unseren Lebenskonzepten nicht zu. Nein, sie tolerieren sie vielleicht. Und sie machen mir, vielleicht unbewußt, Vorschriften und bewerten mein Verhalten, meine Ansichten, Gefühle und meinen Umgang mit meinen Kindern. Aus dem bunten Blumenstrauß der gemachten Annahmen und Vorhaltungen kann ich gerne an dieser Stelle ein paar Beispiele anbringen. Es werden zwar nicht alle Vorwürfe von jedem Elternteil gleichermaßen vertreten, aber dies soll wie gesagt ein Ausschnitt sein. 

Ein Auschnitt aus deren Ängsten :
-wir wissen ja gar nicht was wir tun (in Elternaugen bleibt man wohl ewig Kind?!)
-wir verbauen den Kindern Chancen
-Kinder wachsen als Sonderlinge auf (angeblich keine Sozialkontakte, da kein Kindergartenbesuch)
-wir wollen sie schützen, schonen, dabei ist die Welt doch so hart und schlecht, davor kann man nicht schützen (und sollte es auch nicht)
-wir erdrücken die Kinder mit Liebe (und Behütung)
-woher Zeit und Geld dafür nehmen alternativ, mit mehr Freizeit, zu leben?
-von was wollen wir denn überhaupt leben?
-es tut ihnen für die Kinder leid (daß sie nicht im System eingegliedert sind)
-wir opfern uns für die Kinder auf, wir haben keine Zeit mehr für uns als Paar
-SO (also so schön, einfach, und frei) ist das Leben nicht, wir machen uns da nur etwas vor
-wir leben in einer Traumwelt

Selbstfindung und Schubladen
Vielleicht meine Mutter, aber sicher mein Vater nicht, hat sich zumindest ansatzweise mit Selbstfindung beschäftigt. Sie haben sich nicht der eigenen Vergangenheit gestellt und versucht die vergangenen Verletzungen, Erlebnisse und Prägungen zu verstehen, sie in ihr jetziges Leben zu integrieren. Diese Generation hantiert immer noch am liebsten mit Schubladen. Darin ist das Unliebsame, das Furchtbare gelagert. Ja, sie erinnern sich daran, berichten wohl auch ab und an davon. Von ihrer Kindheit. Aber letztendlich verbleibt es unverarbeitet in der Schublade. Wozu auch? Es ist ja vergangen. Alt. Unwichtig geworden. Hat keine Auswirkung mehr, läßt sich nicht mehr ändern. Doch das all diese Erlebnisse uns immer ändern und stets begleiten, daß ist ihnen weniger bewußt. Mit ihren unterdrückten Belastungen aus ihrer Vergangenheit beeinflussen sie auch ihr Umfeld weiter. Denn die Erlebnisse haben ihre Ansichten geprägt und hindern sie daran offen und frei, befreit zu denken. Sie wirken so auch auf uns ein. Und das ist dann meist verletzend, bevormundend, unüberlegt besserwisserisch und - schmerzhaft.

Dieser Abschnitt soll nicht dazu dienen, daß ich mich loben will, alle meine dunklen Schubladen aufgezogen zu haben. Es soll unter anderem den Unterschied zeigen, wie mit Erlebnissen und Emotionen unterschiedlich in den Generationen umgegangen wird. Für mich war und ist Reflektion und Besprechen von Gefühlen immer wichtig. Auch das hat nicht wirklich guten Anklang in der Familie gefunden. Denn  (schmerzhafte) Auseinandersetzung hat unsere Elterngeneration nicht gelernt.

Mein Leben war nicht immer schön.
Doch jetzt ist es an der Zeit für mich und meine Familie, unser Leben schön zu MACHEN. Und das geht nur dann, wenn man auch daran glaubt, daß es schön sein kann und wenn man ins aktive Tun kommt. Strukturen ändert oder aufgibt, die nicht guttun. Auch wenn dies Strukturen für unsere Eltern unabänderbar und unantastbar scheinen. Genau wie unsere Eltern das wollten, so wollen auch wir unser Leben leben. Ohne es uns von Außenstehenden schlecht reden zu lassen.

Eltern, warum könnt ihr mich nicht so annehmen wie ich bin?

Kommentare:

  1. Oh, ja, diese Frage hab ich mir auch oft gestellt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass sie sich selbst nicht so annehmen können wie sie sind. Auch wenn sie der Meinung sind, dies zu tun. Zudem sind sie auch eine Generation, der es nicht erlaubt war das Leben ihrer Eltern in Frage zustellen.
    Aber trotz aller Analyse und Wissen bleibt doch die Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe von den Eltern.

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  2. Ja, das ist wahr geschrieben!! Und sie sind traurig, daß sie ihre eigenen träume nicht leben...

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  3. Ich bin erst vor kurzem auf deinen Blog gestoßen, bin also ganz neu "hier". Aber sehr interessant! Weil du es auch ansprichst: "von was wollen wir denn überhaupt leben?" – von was lebt ihr denn tatsächlich, wenn ich das fragen darf? Hast du Tipps dazu?

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