Mittwoch, 16. August 2017

Leben im Haus, leben im Wohnmobil

Fünf Monate im Haus

Im Februar sind wir gelandet. Kalt und vor allem nass das Frühjahr in der Heimat. Alles riecht erdig und frisch. Der Sauerampfer wächst langsam und wir können nach vierzehn Tagen Wildkräuter pflücken. Das Leben wird wieder schnell so sehr routinemäßig. Frühstück, rausgehen, aber wohin im 500 Seelen Kaff? Mittagsschlaf organisieren, aufräumen, aufräumen, staubsaugen, mal zu Opa oder eine Oma kommt…abends in der Kuschelecke liegen, unser Komfortbereich. Auch angenehm: Immer waschen können. Mal mit dem Bus in die Stadt, mal das Auto leihen und etwas anderes unternehmen und dann das ganze von vorn.Wir sehnen uns nach Gleichgesinnten, die Kinder nach  gleichgesinnten Kindern.
Endlich kommt unser drittes Kind daheim zur Welt. In Ruhe und sehr schnell bahnt es sich seinen Weg in unsere Mitte. Dafür gerät, wie erwartet, unser neues „Mittelkind“ aus seiner Mitte und kürt den Papa zur Mama auf Zeit. Die Neuordnung und das Gehudel trüben die Freude am neuen Zustand in manchen Momenten. Ich habe am Morgen nach der Geburt einen Hörsturz, genau sieben Wochen später noch einen. Simon und mir stellen sich Themen, sie drängen sich immer mehr zwischen uns und wollen betrachtet werden. Genausosehr wollen die Kinder betrachtet werden und wir arbeiten uns etwas in die unerzogen-Thematik ein um uns alle zu entlasten und Spannung aus dem Alltag zu nehmen. Alle Bedürfnisse aller sind gleichwertig. 

                                                   Wir beide sind jetzt MAMA.
                                                   Möhre macht Simon zur Nr.1

Wir Eltern haben gut zu tun. Auf Außenstehende wirkt es vielleicht so als machten wir es nur den Kindern recht oder als täten wir nichts außer nur die Kinder zufriedenzustellen. Aber die innere Arbeit ist eben nicht allen Außenstehenden begreiflich. Wir arbeiten an uns, an der Beziehung, am Umgang mit den Kinder und immer wieder und zum tausensdsten Mal an unseren „Altlasten“, an unserer Vergangenheit die uns geprägt hat, und uns jetzt oft lähmt oder in alten Mustern handeln läßt. Und von diesen alten Mustern die oft in eine negative Spirale ausufern, möchten wir uns befreien. Die Kinder sind die Lehrmeister dafür und die Anzeiger für Themen und Stimmungen. Sie spiegeln uns unser eigenes Verhalten und weisen uns unermüdlich darauf hin was verbesserungswürdig ist im Umgang miteinander.

Aufbruch

Geistig bewegen bringt nicht allein den Erfolg, auch der Körper will sich regen und steuert das seinige zum Erfolg, zur Veränderung bei. Deswegen zieht es uns jetzt nach der langen (Zwangs-?)Pause nach draußen. Schon nach zwei Lebenswochen von A fällt der Entschluss zum Reisestart. Zumindest ausprobieren wollen wir, ob es uns im geliebten Mobil nicht einfacher fällt zu wachsen. Und das tut es. Mit lieben, sehr lieben Bekannten sind wir fortan die meiste Zeit unterwegs und die Kinder gehen in schöne Verbindung. Wir lernen viel von den Mitreisenden, noch andere stoßen dazu, und wir erleben abwechslungsreiche aber auch geruhsame Tage. Wir fühlen uns von uns selbst und mit den anderen gut aufgehoben.



Die Themen vergehen trotzdem nicht, das liegt in der Natur ihrer Sache. Wie können wir Nähe teilen, wann gibt es Zeit für uns, woher das (gefühlte) Übermaß an Geduld nehmen, wie das innere Kind nicht totschlagen oder unterdrücken aber auch nicht in seiner Brachialgewalt herauslassen? All die Anstrengungen und gefühlten Entbehrungen (sind es welche?) lösen immergleiche altbekannte Mechanismen und Verhaltensmuster aus. Ein- und ausgeübt in frühester Kindheit und erlebt bei den eigenen Eltern. Die Furchen reichen bis ins Unbewußte und warten darauf, eingeebnet zu werden. Woher dafür die Kraft nehmen wenn die Kinder alle Energie zu vereinnahmen scheinen?

Leben unterwegs auf sechs Rädern

Derweil ist das Leben befreiter, nur das Handspülen nervt uns etwas. Aber sonst keine Räum- und Haushaltsaufgaben. Wir ernähren uns gut und das tut seinen Teil, sich noch leichter und freier zu fühlen. Lebendige Nahrung.
Das Baby kommt langsam in der Welt an und die vertraute Umgebung erkennt es an dem Blick zur warmen Holzdecke im Mobil. Weiße Decken und Wände machen ihm dagegen Angst. Das Abhalten klappt von Anfang an gut und wir haben das Töpfchen als ständigen Begleiter dabei. Auch stoffwickeln fällt leichter als gedacht. Vollgepieselte Windeln trocknen schnell und lassen sich unausgewaschen auch noch ein, zweimal verwenden ohne daß sie stinken. Stehen wir an einem Bach oder See ist das Auswaschen sowieso schnell getan. Gibt es Waschmaschine und Trockner auf einem Stellplatz,  ist alles entspannt und ich brauche kaum auf die Wäsche zu achten. Zur Sicherheit haben wir ein paar Öko-Wegwerfwindeln dabei, brauchen aber nicht viele.

                                      Stoffwindeln auswaschen und aufhängen am Skatepark

                                           Einmal benutzt, geht auch noch ein zweites Mal.

Im Auto hat sich ein gewisser Alltag eingebürgert, der allen gut tut. Möhre kann schon morgens früh raus ins Freie und braucht seine Energie nicht einzudämmen. Quetscheline ist nun soweit, frei aus sich herauszugehen und von der einstigen Zurückhaltung ist nichts oder kaum mehr etwas zu bemerken. Gleich geht sie auf die anderen Kinder zu und schließt sich an. Trotzdem ist sie noch die meditative Beobachterin. Sie zieht sich oft ihren kleinen roten Campingstuhl an die beste Stelle um die benachbarten Familien zu beobachten. Wäsche falten, Essen zubereiten…oftmals entspannt sie sie sich beim (plakativen) Zusehen und saugt alles Wahrgenommene in sich auf. Zu mir sucht sie zur Zeit öfter den Kontakt durch Vorlesen oder Kuscheln. Wegen unserem  Achtwochenbaby ist meine Zeit für das einzelne Kind etwas eingeschränkt. Aber durch Stillen und Tragen sind die notwendigen Geist- und Körperkontakte trotzdem möglich. Ich habe dann für die anderen beide Hände frei.



Wir zwei und jeder für sich?

Simon und ich haben demnach Mühe uns zu organisieren und außer kurzen Küssen und Umarmungen am Tag bleibt uns nur die Zeit am Abend und in der Nacht. Zu der wir meistens selbst müde und ausgelaugt sind, weil die Tage voll und schön, oft anstrengend sind. Aber wenn wir wollen ist der Kontakt möglich. Die großen Kinder schlafen hinten im Stockbett (3 Schlafplätze) und ich mit A vorne im großen Alkoven. Und auf den ausgeklappten Sitzbänken ist auch noch Platz wenn nicht der Tisch an Schlechtwetterperioden aufgebaut ist.
Die Kinder spielen lange und intensiv, sodaß meist spät der Bettmarsch ansteht. Jetzt zur Sommerzeit gehen sie um neun ins Bett wenn wir mit andern Familien unterwegs sind. Je nachdem schlafen die Kinder also um neun oder halb zehn. Und dann wird oft A nochmal aktiv und schläft nicht gleich ein. Wir haben uns viel Familienzeit gewünscht und die haben wir jetzt! Jede Phase hat ihre Herausforderungen und stellt Aufgaben an uns Eltern. Eine davon ist auch, sich als Paar noch genug Zeit einzuräumen. Je nach Abschnitt bedarf es darum immer wieder ein Ändern der Gewohnheiten und alle stimmen sich neu aufeinander ab.

                                                     Janis lacht und wacht über uns...

Gerade stehe ich mit A in der Trage im Schwimmbad am Kioskstehtisch und tippe hier. Simon sitzt mit den Kindern auf der Decke und schneidet Obst auf. Früher war es oft schwer sich zu etwas zu motivieren wenn ich viele Möglichkeiten hatte und alles offen stand. Nun habe ich nur eine Möglichkeit JETZT. Und die kann ich dann auch ergreifen und etwas  umsetzen was ansteht oder worauf ich Lust habe. Trotz der anscheinend wenigen Zeit gibt es so Produktivität.
Wir lassen uns treiben und planen sehr wenig. Wir genießen vor allem die sonnigen Tage (es gab viel Regen und Kälte) weil dann das Leben einfacher ist. Wir können aktiv sein und auch unser Baby fühlt sich wohler. Es braucht kaum eine Windel zu tragen und wenig Kleidung. So genießt A die sonnigen Tage auf seine Weise.
Spielsachen haben wir kaum dabei und die wenigen die es gibt wurden bisher kaum angerührt. Am meisten werden Laufrad und Fahrrad genutzt und Bücher. Sandspielzeug, Wasserfarben und Puppe liegen meistens im Schrank. Wir sind auf jeden Fall ein wenig mehr im Hier und Jetzt der Kinder angekommen, auch wir leben spontaner und unmittelbarer.

Bürokratie, Post, gelber Sack, Stromrechnung…vieles fällt weg und wird zweitrangig. Wenn wir uns nicht nach altem Muster selbst geiseln und alte Glaubenssätze fallen lassen, sind wir glücklich.


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